Self-hosting für Unternehmen und die Kompromissbereitschaft
Von Niklas Tidbury
· 5 min
Selfhosting Oligopolie Trend-Opinion
Nobody ever got fired for buying IBM.
Ein typisches Sprichwort im 20. Jahrhundert in diversen Unternehmen lautete: "Niemand wurde je entlassen, weil er IBM gekauft hat." Dieser Satz sagt schon viel über die nahezu monopolartige Stellung IBMs in den 70er- und 80er-Jahren aus[^1]. IBM verkaufte sich als die ultra-sichere Wahl im Bereich Mainframes und Grossrechner – auch wenn Alternativen teils günstiger oder innovativer gewesen wären.
Obwohl echte Mainframes heute eine Rarität sind, hat sich die Landschaft hin zu Cloud- und On-Premise-Anbietern verschoben. Die grossen Player heissen Google (GCP), Amazon (AWS) und Microsoft (Azure). Während viele KMUs noch keinen akuten Bedarf an Azure- oder GCP-Services haben, sieht es beim "Daily Driver"-Tech deutlich anders aus: Dort hat sich Microsoft seine Daseinsberechtigung hart erarbeitet. Nach dem Niedergang von IBM wurde Microsoft um die Jahrhundertwende zur sicheren Wahl für viele KMUs und erreichte bei bestimmten Segmenten einen Marktanteil von rund 90 %[^2].
KI hat das Spielfeld noch einmal grundlegend verändert. Die Techgiganten sind nun in einem grossen Schachspiel, wobei sich alle das Ziel gesetzt haben, die KI-Akzeptanz und Adoption beinahe zu forcieren, wenn nicht nur zu verschnellern. Links und rechts wird in Datacenters investiert, kleinere KI-Firmen werden akquiriert und tiefe Integrationen vertraglich verankert[^3] – alles mit dem Versprechen höherer Effizienz und nahtloserer Abläufe. Soweit, so gut, oder?
Tech-Monopole
Grundsätzlich liegt eine Monopolstellung dann vor, wenn ein einziges Unternehmen einen Markt praktisch vollständig beherrscht und keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr existiert. Rein juristisch gibt es derzeit keine klassischen technologischen Monopole. Durch Netzwerkeffekte, Lock-ins und vor allem Datenmacht sind einzelne Anbieter jedoch so dominant geworden, dass sie sich wie Monopolisten verhalten können. Eine ehrliche Frage an Dich, liebe Leser:in: Kennst Du ein Unternehmen, das komplett ohne Microsoft-Produkte auskommt? Und welche mobilen App-Stores sind Dir ausser den beiden grossen bekannt?
Die Oligopolie[^4] der grössten Techkonzerne zeigt auch positive Seiten: der Entwicklung von Technologien stehen enorme Ressourcen zur Verfügung, bei welcher Millionen von Unternehmen und Privatpersonen direkt profitieren. Der Preis dafür? Monatliche Lizenzgebühren – und unsere Daten.
Letzteres zeigt sich im Zeitalter der KI mit entwaffnender Direktheit: Um Modelle auf irgendeine Weise nützlich zu machen, braucht man Daten. Welche Daten soll sich ein Oligopol also holen? Natürlich die der eigenen Kundschaft, die ohnehin schon reichlich herumliegen, kontinuierlich nachgeliefert werden und praktisch kostenlos zu haben sind. Es ist eine geradezu perfekte, zynisch effiziente Rohstoffbeschaffung.
Doch genau hier wird ein zentraler Unterschied systematisch verwischt: Datenschutz ist nicht gleich Datenhoheit. Während Datenschutz den Einzelnen mit Einwilligungen und Rechten vor unmittelbarem Missbrauch abschirmen soll, geht es bei der Datenhoheit um die eigentliche Machtfrage – wer den Rohstoff kontrolliert, wer die Wertschöpfung abschöpft und wer am Ende souverän bleibt.
Datenhoheit
Die Frage, ob meine Daten für das Training von Modellen verwendet werden oder nicht, ist fast schon müssig. Fakt ist, meine persönlichen Daten, meine geschäftliche Daten und die Daten meiner Kundschaft liegen alle auf einem Server die einem Oligopol gehören und nicht in meiner Macht steht. Im Kontext von Regierungen sind es dann die Daten der Bürger:innen.
Dänemark hat sich im Zuge eines bewussten Strebens nach digitaler Souveränität entschieden, das Amt für Digitalisierung mehrheitlich auf Linux und LibreOffice umzustellen[^5]. In der Schweiz hat das Parlament zwar beschlossen, Open-Source-Software bewusst zu fördern – eine aktive Migration zu schweizerischen Anbietern wie Proton oder Infomaniak findet jedoch nicht statt.
Aber auch hier stellt sich die unbequeme Frage: Tauschen wir nicht einfach ein Oligopol gegen ein anderes aus – nur diesmal auf lokaler statt globaler Ebene?
In beiden Fällen geht es um die Souveränität wichtiger Infrastruktur, wobei die Komponente der Datenhoheit selten die nötige Priorisierung geniesst. Stattdessen dulden wir, dass internationale KI-Konzerne aus unseren eigenen Daten eine Wertschöpfung extrahieren, die jede traditionelle Industrie alt aussehen lässt – ein moderner Rohstoffraub, bei dem der Abbau unsichtbar bleibt und die Profite anderswo verbucht werden. Daten sind kein digitales Nebenprodukt mehr, sie sind der Grundrohstoff des KI-Zeitalters: wertvoller als jedes Erz, weil sie Verhalten, Präferenzen und Potenziale kodieren, aus denen die Intelligenz von morgen entsteht. Wer sie preisgibt, verschenkt nicht nur ökonomischen Wert, sondern die Souveränität selbst.
Welche Kompromisse gehe ich bewusst ein?
Es gibt aber eine Lösung!, heisst es oft: Self-Hosting. Man betreibt die wichtigsten Systeme auf Infrastruktur, die man tatsächlich selbst kontrolliert. Man weiss, was die Server tun, wohin die Daten fliessen und wer Zugriff hat. Das Open-Source-Ökosystem bietet inzwischen eine beeindruckende Vielfalt an reifen Tools, mit denen sich beinahe jede operative Tätigkeit souverän abbilden lässt[^6].
Doch genau hier zerbricht die schöne Illusion an der Realität: Wo hört die echte Kontrolle auf? Stehen die Server im eigenen Keller oder mietet man sie in einem fremden Rechenzentrum? Verschlüsselt man alles durchgehend oder akzeptiert man an manchen Stellen einen pragmatischen Riss? Die Grenze verläuft nirgends sauber.
Kompromisse lauern überall. Entscheidend ist nicht die vollkommene Reinheit, sondern die bewusste, transparente Auseinandersetzung mit den Grauzonen. Bei Septhos setzen wir konsequent auf Open-Source-Tooling und eigene Modelle – die darunterliegende Infrastruktur mieten wir jedoch. Ein klarer, kalkulierter Trade-off, den die hohen Kapital- und Liquiditätsanforderungen eines schnell wachsenden Unternehmens diktieren.
Und wenn man in zwanzig Jahren zurückblickt? Wird man dann wirklich jemanden dafür verurteilen – oder gar beruflich ächten –, dass man sich für Microsoft entschieden hat? Die heutige digitale Reinheitslehre dürfte rückblickend genauso kleinlich wirken wie die damalige Empörung darüber, dass jemand statt Linux doch lieber Windows nutzte.
[^1] Zu Beginn von den 70er Jahren lag der Marktanteil für Mainframes und Grossrechner bei ca. 60%. The Chip Letter, 2025 [^2] 2004 betrug der Anteil an PC-Plattformen sogar 97%. Ars Technica, 2005 [^3] Zusammenarbeit Microsoft und Anthropic für agentische KI im März 2026. Reuters, 2026 [^4] Oligopolie: weder echter Wettbewerb, noch totales Monopol. [^5] Windows wurde nicht komplett ersetzt, aber LibreOffice sollte Standard werden. Linux Journal, 2025 [^6] awesome-selfhosted.net